21. Juli 2020

„frag die Grünen“ – so haben die Grünen Westerkappeln das Format genannt, wie wir jeden Freitag ins Gespräch mit den Westerkappelnern kommen wollen. Am Freitag sind Angelika Kümper, Christiane Blanke und ich im Ortfeld von 16 bis 18.00 Uhr ansprechbar und stehen bereit für Fragen, Anregungen und Gespräche.

In einem Streitgespräch der ZEIT trafen die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock und der FDP-Vorsitzende Christian Lindner zusammen. Die ZEIT fragte: Frau Baerbrock, was ist mit den Grünen? Wollen sie den Bürgern sagen: Ehrgeiziger Klimaschutz kostet etwas, denn er bedeutet weniger fliegen und weniger Fleisch essen?“ –

Baerbock antwortet: „Natürlich bedeutet Klimaschutz, die weltweite Fleischproduktion zurückzufahren. Wir brauchen ohnehin eine andere Landwirtschaft: mehr Platz für weniger Tiere – und so mehr Tierwohl und Umweltschutz. Es bedeutet nicht weniger Mobilität, aber weniger Individualverkehr. (…) Wir brauchen mehr Busse und Bahnen, auch im ländlichen Raum.“

Hier wird genau das zum Ausdruck gebracht, was von wissenschaftlicher Seite längst klar ist. Auch deshalb bin ich bei den Grünen: Weil sie sich nicht länger tödlichen Illusionen hingeben und nur diese Illusionen für realistisch halten, sondern weil sie das, was man weiß und wissen kann, in politische und persönliche Handlungs-Notwendigkeiten übersetzen – sehr ehrlich, auch wenn es auf den ersten Blick unangenehm erscheint.

Bahnfahren ist aber kein Verzicht und Fahrradfahren auch nicht. Und nicht mehr in Urlaub zu fliegen, sondern nähere Ziele anzusteuern, kann ein wunderbares Urlaubserlebnis sein. Und Westerkappeln für sanften Tourismus und als attraktive Gegend für Radurlaube zu entwickeln kann eine gute Strategie sein, für die Bürger Westerkappelns das unmittelbare Lebensumfeld attraktiv zu machen und sogar für Auswärtige als Urlaubsziel. Dafür müßten z-B. Ferienwohnungen hergerichtet werden, z.B: in Gebäuden, in denen Landwirtschaft aufgegeben wurde.

Lindner für die FDP sieht das anders: „Ich bin dankbar, dass Frau Baerbock das so klar sagt: weniger Fleisch, weniger Mobilität. Ich halte das für falsch (…). Wir wollen den Menschen ihre Lebensweise so weit wie möglich auch künftig ermöglichen. Deswegen müssen wir viel stärker technologische Optionen nutzen.“  (Wie geht es der Erde? Eine Bestandsaufnahme, hg. Von P. Pinzler u.a., München 2019, S.87/88)

Klarer kann man politische Alternativen nicht formulieren. Ich glaube, dass das im Wahlkampf wichtig ist: den Wählerinnen und Wählern zu zeigen, dass nicht alle Parteien ähnliche Positionen vertreten. Es gibt große Unterschiede in dem, was die Parteien wollen. Und die Grünen in Deutschland und in Westerkappeln und im Kreis Steinfurt wollen kein „weiter so“. Denn ein „weiter so wie bisher“ führt in die globale Katastrophe. Das kann heute auch jeder wissen.

Eine Überschrift von gestern aus der Süddeutschen Zeitung: „CO2-Rekordwerte in der Atmosphäre“ (S. 14) Im Artikel heißt es: „Die Ergebnisse klingen besorgniserregend: Schon 2025 wird vermutlich so viel CO2 in der Atmosphäre sein wie seit etwa 3,3 Millionen Jahren nicht mehr. (..) Im damaligen Zeitabschnitt, dem Pilozän, war es deutlich wärmer als heute, im Schnitt zwei bis vier Grad.“ Die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, ist das ausgegebene Klimaziel. Warum, macht der Nachsatz deutlich: „Der Meeresspiegel war 15 bis 25 Meter höher“.

Das Problem ist: solche Zahlen sind sehr abstrakt. 3,3 Millionen Jahre auf der Zeitachse sich vorzustellen, ist schwierig, zumal, wenn man bedenkt, dass so was wie Menschen erst 60.000 Jahre existieren und uns das Jahr 1517, als Luther seine Thesen anschlug, auch schon lange her vorkommen. Die Daten der Geologie übersteigen unser Vorstellungsvermögen – wie so vieles.

Aber Sätze kann ich verstehen: „Wenn der CO 2- Gehalt die Höchstwerte aus dem Pilozän demnächst hinter sich läßt, bewegt er sich erdgeschichtlich auf eine neue Phase zu: das Miozän, das bis 23 Millionen Jahre zurückreicht. Doch auch dessen CO 2 Maxima könnten im Laufe der nächsten Jahrzehnte geknackt werden“. Kein Wunder, könnte man sagen, dass die Arabischen Emirate Raketen zum Mars schicken, um eventuell den berühmten „Planet B“ zu finden, auf den die Menschheit ausweichen kann, nachdem sie die Erde für Menschen unbewohnbar gemacht hat. Denn das ist ja auch klar: die Erde wird es überleben, was der Mensch anstellt, nur die Menschheit nicht.

Ich persönlich finde es von meinem christlichen Verständnis her gut, wenn die Menschen und die Menschheit auf der Erde weiter leben könnten. Ich glaube, dass Gott das so gewollt und eingerichtet hat, auch wenn diese Position vielen Menschen als unwissenschaftlich und veraltet vorkommen mag. Ich bleibe dabei: die Sicht der Bibel auf das Leben und die Schöpfung sind überzeugend. „Und siehe, es war gut“ heißt es über jedes einzelne Schöpfungswerk: über die Verteilung von Wasser und Erdboden, über die Pflanzen und Tiere und zuletzt auch über den Menschen. Von Gott her ist der Mensch nicht als Selbstmörder seiner Art gedacht und geschaffen, sondern als vernunftbegabtes Wesen im Verhältnis zu seinem Schöpfer, dessen Aufgabe es ist, diese Schöpfung mit ihren Schönheiten und Wundern zu bebauen und zu bewahren.

Damit bin ich wieder bei dem, was Annalena Baerbock im Interview sagt. Deshalb bin ich bei den Grünen und nicht bei der FDP. Und das finde ich gut: Dass es für jede politische Überzeugung auch eine Partei gibt, in der man sich wiederfinden kann, nicht 100-Prozent, aber doch zu großen Teilen.

Ich soll’s nicht zu lang machen, sagen mir die Leute, die mir auf dem Tagebuch folgen. Deshalb mache ich jetzt Schluß. Aber nicht ohne eine Selbstverpflichtung: morgen über den „Ökozid“ zu schreiben und der Idee, die in Frankreich entwickelt wurde und was dahinter steht. „In Frankreich könnte die Natur bald dem Menschen gleichgestellt werden – zumindest vor dem Gesetz,“ (Die ZEIT vom 5. Juli 2020, S. 4)

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